Die Behistun-Inschrift — Schlüssel zur Keilschrift

Die Behistun-Inschrift, ein Felsrelief in der iranischen Provinz Kermanshah, ist ein Meisterwerk der altpersischen Architektur und eine Quelle unermesslichen wissenschaftlichen Wertes. König Dareios I. ließ diese dreisprachige Inschrift im 6. Jahrhundert v.Chr. anfertigen, um seine Machtergreifung zu rechtfertigen und die Loyalität seiner Untertanen zu stärken. Die Inschrift, die in Altiranisch, Elamitisch und Babylonisch-Akkadisch verfasst ist, war der Schlüssel zur Entzifferung der Keilschrift, die Jahrhunderte lang als unleserlich galt. Der britische Offizier Henry Creswicke Rawlinson spielte eine zentrale Rolle in diesem Prozess, indem er mutig an der Felswand herabkletterte, um die Texte abzukupfern. Seine Arbeit baute auf Vorleistungen von Georg Friedrich Grotefend auf, der bereits am Schreibtisch Teile der altpersischen Schrift entschlüsselt hatte. Der Durchbruch kam 1857, als vier unabhängige Forscher die gleiche Passage übersetzten und übereinstimmende Ergebnisse erhielten, was die Geburt der modernen Assyriologie markierte.
Trotz ihrer wissenschaftlichen Bedeutung birgt die Inschrift eine komplexe Schicht politischer Propaganda. Dareios präsentierte sich als Retter der alten Ordnung, legitimiert durch den Beistand des zoroastrischen Gottes Ahura Mazda, und beschrieb die Niederschlagung von 19 Rebellionen, um seine Machtergreifung zu rechtfertigen. Doch moderne Historiker sind skeptisch, dass Dareios' Version der Ereignisse die historische Wahrheit widergibt. Babylonische Tontafeln deuten auf eine reale Regentschaft von Gaumata hin, was Dareios' Behauptung, er sei ein Betrüger, in Frage stellt. Die Wahl des Ortes, an der Königsstraße von Babylon nach Ecbatana, unterstreicht, dass die Inschrift weniger als Informationsmedium diente, sondern als Demonstration imperialer Kontrolle.
Textkritisch gibt es offene Fragen. Die babylonische Version der Inschrift ist stark beschädigt, und die Edition von Elizabeth N. Von Voigtlander aus dem Jahr 1978 hat viele Passagen spekulativ rekonstruiert. Der 70. Paragraph der altpersischen Version ist so zerstört, dass eine eindeutige Lesung unmöglich ist. Die Sprachversionen sind nicht exakte Übersetzungen, sondern verfolgen unterschiedliche rhetorische Strategien. Die elamitische Fassung ist älter und wurde möglicherweise zuerst gemeißelt, was bedeutet, dass Dareios die Botschaft an verschiedene Zielgruppen angepasst hat.
Offene Fragen bleiben: War Gaumata ein legitimer Prinz oder Usurpator? Die archäologischen und textuellen Beweise sind widersprüchlich, und ohne einen neutralen Rosetta-Stein bleibt die historische Wahrheit unklar. Zudem ist unklar, wie viel der Inschrift original ist und wie stark sie von späteren Bearbeitungen beeinflusst wurde.
Fazit: Die Behistun-Inschrift ist ein Paradoxon. Sie ist wissenschaftlich unersetzlich, öffnete die Tür zur mesopotamischen Geschichte und bewies, dass Keilschrift lesbar war. Als historisches Zeugnis ist sie jedoch hochgradig problematisch. Sie ist ein Werk der antiken Medienstrategie, das Fakten mit Fiktion verknüpft, um politische Macht zu stabilisieren. Die Entzifferung war ein wissenschaftlicher Triumph, doch die Interpretation der Inhalte erfordert eine permanente Skepsis gegenüber der imperialen Selbstinszenierung Dareios' I. Die Inschrift ist weniger ein Spiegel der Wahrheit als vielmehr ein gewaltiger Vorhang, hinter dem sich die unsicheren Anfänge einer Dynastie verbergen.
— Twight Sterling, Sigil & Spark
Erhobene Befunde (1)
Was die Prüfung an einzelnen Stellen dieses Berichts erhoben hat. Die Werte gehören zum jeweiligen Befund; sie sind nicht mit dem Anomaliegrad des Berichts verrechnet — warum nicht.
- Behistun inscription - Wikipedia
- Decipherment of cuneiform - Wikipedia
