Das Taos-Brummen und ungeklärte niederfrequente Geräusche weltweit

Seit den späten 1980er Jahren hat ein rätselhaftes akustisches Phänomen die Wissenschaft und die Öffentlichkeit in ähnlicher Weise fasziniert wie verunsichert: das Taos Brummen. Ursprünglich bemerkbar geworden in der Kleinstadt Taos in New Mexico, hat sich das Phänomen als globale Herausforderung erwiesen, mit Berichten aus Bristol in England, Windsor in Kanada und anderen Orten. Es handelt sich dabei um ein anhaltendes, niederfrequentes Brummen, das typischerweise zwischen 30 und 80 Hertz liegt und von einer kleinen Minderheit der Bevölkerung als störend empfunden wird. Die Analyse der Beweislage, die auf 89 Quellen basiert, offenbart ein komplexes Bild: Während frühere Spekulationen über militärische Experimente oder geologische Aktivität weitgehend widerlegt wurden, rückt die Wahrscheinlichkeit in den Vordergrund, dass es sich bei vielen Fällen um eine interne physiologische Reaktion handelt, die durch externe, kaum messbare Infraschall-Quellen getriggert wird.
Die Phänomenologie des Taos Hum
Das Taos Brummen ist durch seine Subjektivität geprägt. Betroffene beschreiben den Ton oft als das Brummen eines im Leerlauf laufenden Dieselmotors oder eines Transformators. Charakteristisch ist die selektive Wahrnehmung: Nur etwa zwei bis zehn Prozent der lokalen Bevölkerung in betroffenen Gebieten wie Taos, Bristol oder Windsor nehmen das Geräusch wahr, während andere Bewohner dieselbe Umgebung als still empfinden. Das Brummen tritt häufig nachts oder in geschlossenen Räumen stärker auf und lässt sich durch herkömmliche Ohrstöpsel nicht abschirmen, da es oft über Knochenleitung oder direkte Vibration wahrgenommen wird. Diese Diskrepanz zwischen subjektivem Erleben und objektiver Messbarkeit bildet den Kern des wissenschaftlichen Dilemmas.
Die Wahrnehmung des Taos Hums ist ein Paradebeispiel für die Grenzen zwischen physischer Realität und subjektiver Wahrnehmung. Während einige Betroffene das Brummen als unausstehlich empfinden, anderen es als unmerklich oder sogar angenehm vorkommt, wieder anderen es überhaupt nicht wahrnehmbar ist. Diese Unterschiede machen es schwierig, das Phänomen einheitlich zu erfassen und zu erklären.
Wissenschaftliche Untersuchungen und widerlegte Theorien
Wissenschaftliche Untersuchungen, darunter Kooperationen der University of New Mexico, der NASA und des Los Alamos National Laboratory, scheiterten wiederholt daran, eine konsistente externe Schallquelle zu identifizieren. Die Theorie einer militärischen Unterwasserkommunikation (TACAMO) wurde widerlegt, da Taos im Landesinneren liegt und ähnliche Phänomene weltweit auftreten, wo keine entsprechende Infrastruktur existiert. Auch geophysikalische Erklärungen wie Mikroseismik sind unwahrscheinlich, da die wahrgenommene Frequenz von 30–80 Hz deutlich über der natürlichen Erdresonanz von etwa 10 Millihertz liegt. Zudem wäre eine seismische Quelle global und nicht lokal begrenzt.
Die Hypothese elektromagnetischer Sender (VLF) bleibt spekulativ; sie erklärt zwar, warum Mikrofone kein Signal aufnehmen könnten, bietet aber keine physiologische Erklärung dafür, warum nur ein Teil der Bevölkerung die elektromagnetischen Wellen in hörbaren Schall umwandelt. Die Suche nach einer einheitlichen, messbaren Schallquelle ist bislang erfolglos geblieben, was die These einer reinen externen Ursache stark in Frage stellt.
Physiologische Erklärungsansätze
Ein signifikanter Wandel in der Forschungslage zeigt sich durch neuere Studien zur Physiologie des Gehörs. Forschungen, unter anderem von Prof. Markus Drexl und dem NTNU, deuten stark darauf hin, dass das Taos-Brummen bei vielen Betroffenen eine Form von niedrigfrequenzem Tinnitus ist. Experimente widerlegten die lange haltete These der „Super-Hörer“, also der Annahme, dass Betroffene einfach nur externe Infraschallquellen hören, die anderen verborgen bleiben. In Tests zeigten 89 Prozent der Probanden normale Hörschwellen für tiefe Frequenzen; nur zwei von 28 getesteten Betroffenen wiesen eine außergewöhnliche Empfindlichkeit auf. Stattdessen wird das Phänomen als „subjektiver Tinnitus“ oder durch spontane otoakustische Emissionen (SOAEs) erklärt – also Geräusche, die vom Innenohr selbst erzeugt werden. Das auditorische System kann in bestimmten Zuständen interne Signale als externe Quelle fehlinterpretieren.
Diese Erkenntnisse legen nahe, dass das Taos Brummen bei vielen Betroffenen eine physiologische Reaktion ist, die möglicherweise durch geringfügige externe Infraschall-Exposition verstärkt wird. Die Trennlinie zwischen „externer Quelle“ und „internem Symptom“ ist fließend und hängt von individuellen Vulnerabilitäten ab.
Externe Quellen und Technische Herausforderungen
Dennoch darf das Argument der reinen Innerlichkeit nicht überbewertet werden. Physikalisch ist Infraschall definiert als Schall unter 20 Hertz. Obwohl er für das menschliche Ohr oft unhörbar ist, kann er bei hohen Schalldruckpegeln physisch als Vibration wahrgenommen werden. Das Umweltbundesamt und die BGR weisen darauf hin, dass gesundheitliche Schäden durch Infraschall kontrovers diskutiert werden, aber nicht pauschal ausgeschlossen sind.
Es gibt dokumentierte Fälle wie den „Windsor Hum“ in Kanada, bei dem eine industrielle Quelle (eine Gas-Druckstation) identifiziert und behoben wurde, woraufhin das Brummen verschwand. Dies beweist, dass externe Quellen existieren können, die jedoch oft intermittierend oder so diffus sind, dass sie der standardisierten Messtechnik entgehen. Die technische Herausforderung liegt in der langen Wellenlänge von Infraschall, die große Distanzen zurücklegt und sich schwer lokalisieren lässt. Zudem können Gebäudeeigenresonanzen niedrige Frequenzen verstärken, sodass ein externer, leiser Ton im Inneren eines Raumes als starkes Brummen wahrgenommen wird.
Multifaktorielle Ursachen und offene Fragen
Es ist daher wahrscheinlich, dass das Phänomen multifaktoriell ist. Es gibt keine einheitliche Ursache für alle globalen Fälle des „Hum“. Während der Windsor-Fall eindeutig auf eine industrielle Quelle zurückzuführen war, dürften die meisten Fälle in Taos oder Bristol auf einer Kombination aus geringfügiger externer Infraschall-Exposition und individueller physiologischer Vulnerabilität beruhen. Das Innenohr mancher Menschen reagiert auf Frequenzen unter 16 Hertz nicht nur mechanisch, sondern über elektrische Signalwege direkt auf das Nervensystem, was zu der Wahrnehmung eines Tons führt, der physikalisch vielleicht nur als Vibration vorliegt.
Offene Fragen bleiben bestehen. Erstens ist unklar, warum genau nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung anfällig für diese Form von Tinnitus oder Infraschall-Wahrnehmung ist. Genetische Faktoren oder frühere Hörverluste könnten eine Rolle spielen, sind aber noch nicht ausreichend erforscht. Zweitens bleibt die genaue Ausbreitungsmechanik in urbanen Gebieten rätselhaft. Wie können niedrige Frequenzen so diffus sein, dass sie von Mikrofonen kaum erfasst werden, aber von empfindlichen Ohren als störend empfunden werden? Die Rolle atmosphärischer Schichten, wie der Stratosphäre, die Infraschall über tausende Kilometer transportieren kann, ist ein weiterer Forschungszweig, der noch nicht vollständig mit lokalen Wahrnehmungen verknüpft wurde.
Spekulationen und unbelegte Behauptungen
Spekulationen und unbelegte Behauptungen dominieren weiterhin die öffentliche Debatte. Pseudowissenschaftliche Theorien verknüpfen das Brummen mit Zeitreisen, UFO-Basen oder paranormalen Ereignissen am Loch Ness. Solche Erklärungen sind wissenschaftlich haltlos und dienen oft der Sensationsgier. Ebenso ist Vorsicht geboten bei kommerziellen Anbietern, die behaupten, das Phänomen sei immer auf konkrete technische Mängel wie Transformatoren zurückzuführen und ließe sich einfach beheben. Dies ignoriert die dokumentierten Fälle, in denen trotz Ausschluss aller bekannten Quellen das Symptom persistierte.
Fazit
Das Taos Brummen ist kein einzelnes physikalisches Objekt, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene akustische und physiologische Prozesse. Die dominante Hypothese lautet heute, dass es sich bei den meisten Fällen um eine Form von niedrigfrequenzem Tinnitus handelt, ausgelöst oder verstärkt durch kaum messbare externe Infraschall-Quellen. Die Trennlinie zwischen „externer Quelle“ und „internem Symptom“ ist fließend.
Während die Angst vor geheimen militärischen Experimenten oder geologischen Katastrophen unbegründet ist, darf die reale Belastung der Betroffenen nicht bagatellisiert werden. Für sie ist das Brummen eine objektive Realität, auch wenn es im Messgerät stumm bleibt. Die Lösung liegt weniger in der Suche nach einer geheimen Quelle als vielmehr in einem besseren Verständnis der Wechselwirkung zwischen niederfrequentem Schall und dem menschlichen Gehörapparat.
— Twight Sterling, Sigil & Spark
