Mayanische Bücher und ihr Verbrennen

Die verbrannte Bibliothek von Maní ist ein Mahnmal der Zerstörung und eines unerwarteten Wiederaufstiegs. Am 12. Juli 1562 führte der spanische Franziskaner Diego de Landa ein Auto-da-fé durch, bei dem hunderte Maya-Codices und tausende religiöse Artefakte verbrannt wurden. Diese Tat markierte den tiefsten Einschnitt in die schriftliche Überlieferung der Maya-Zivilisation, doch die Ironie der Geschichte lag darin, dass Landa selbst die Grundlage zur Wiederentdeckung dieser Kultur schuf.
Die Maya verfügten über eine hoch entwickelte Schriftkultur, die komplexe astronomische Tabellen, Kalenderzyklen und historische Aufzeichnungen enthielt. Die vier erhaltenen Codices – der Dresdner, Madrider, Pariser und der Grolier-Kodex – sind die letzten Zeugnisse einer Wissenschaft, die die europäischen Standards der Zeit übertraf. Die Maya-Schrift war ein logografisch-syllabisches System, das nicht nur zur Kommunikation diente, sondern auch als Medium für komplexe Berechnungen fungierte. Der Madrid-Kodex, ein divinatorischer Almanach, dokumentiert die Verknüpfung von Kalenderzyklen mit ökologischen und zeremoniellen Handlungen.
Die Zerstörung der Maya-Bücher war nicht nur ein Akt der Zerstörung, sondern auch ein Beispiel für koloniale Epistemic Violence. Landa, ein Instrument der spanischen Krone und der Inquisition, sah sich in seiner Mission, die Christianisierung durchzusetzen, dazu gezwungen, die Maya-Kultur zu vernichten. Seine Rolle als Zerstörer und gleichzeitig als Bewahrer ist ambivalent. Er dokumentierte die Maya-Schrift, indem er lateinische Buchstaben den Glyphen zuordnete, obwohl er die Struktur des Systems missverstand. Diese Notizen wurden später als Rosetta-Stein zur Entzifferung der Maya-Hieroglyphen verwendet.
Die lange Dominanz von J. Eric S. Thompson in der Maya-Forschung verzerrte das Verständnis der Maya für Jahrzehnte. Thompson lehnte gewaltsame Konflikte ab und widersprach vehement den phonetischen Entzifferungen, obwohl sich Landas Notizen als korrekt erwiesen. Erst mit dem Tod Thompsons 1975 konnte ein differenzierteres Bild entstehen, das die Maya als aktive politische Akteure in einer komplexen Geschichte erkennt.
Offene Fragen bleiben bestehen, insbesondere bezüglich der genauen Anzahl der vernichteten Bücher und der Provenienz der erhaltenen Codices. Die Theorie, dass prestigeträchtige Werke verschont wurden, während „alltägliche“ Ritualführer eher vernichtet worden wären, wird durch die Echtheit des Grolier-Kodex widerlegt. Die Seltenheit der Codices erklärt sich nicht nur durch die Verbrennung von 1562, sondern auch durch die fragile Natur des Materials, das aus Feigenbaumrinde hergestellt wurde.
Die Verbrennung der Maya-Bücher war kein isoliertes Verbrechen eines einzelnen Mannes, sondern ein symbolischer Höhepunkt der kolonialen Epistemic Violence. Diego de Landa bleibt eine ambivalente Figur: Sein Fanatismus zerstörte ein einzigartiges kulturelles Erbe, doch seine naive Dokumentation lieferte den Schlüssel zu dessen Wiederentdeckung. Die kritische Auseinandersetzung mit seinen Quellen ist essenziell, da sie zeigt, wie koloniale Machtstrukturen Wissen nicht nur vernichten, sondern auch umdeuten und instrumentalisieren. Das Überleben der vier Codices ist ein historisches Wunder, das die Fragilität kultureller Kontinuität unterstreicht. Die Maya-Schrift ist heute entschlüsselt, aber das verlorene Wissen bleibt ein stummes Mahnmal für den Preis, den die Maya-Zivilisation für die Kolonialisierung zahlen mussten.
— Twight Sterling, Sigil & Spark
